Alte Pocken-DNA aus zwei in Nordchile bestatteten Menschen liefert erstmals direkte molekulare Belege für die Einschleppung des Virus nach Amerika durch die europäische Kolonisierung. Ein Team unter Beteiligung des Trinity College Dublin gewann das virale Erbgut aus Knochenproben vom archäologischen Fundort Camarones 9. Die beiden Menschen starben laut Datierung zwischen dem späten 15. und frühen 17. Jahrhundert. Der Vergleich mit anderen Pockenviren ordnet ihre Erreger einer heute ausgestorbenen Linie zu, die zwischen mittelalterlichen europäischen Varianten und später zirkulierenden Stämmen liegt. Die Studie erschien im Fachjournal „Science“.
- Die Forschenden rekonstruierten Pockenvirus-Genome aus den Überresten zweier Menschen in Nordchile.
- Die Viren gehören zu einer Linie, die eng mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen europäischen Varianten verbunden ist.
- Die Untersuchung liefert den ersten direkten genetischen Nachweis für Pocken in einer indigenen Gemeinschaft Amerikas während der Kolonialzeit.
- Die Genome deuten zudem darauf hin, dass sich das Entwicklungstempo des Virus über die Jahrhunderte veränderte.
Virales Erbgut verbindet die Funde mit europäischen Linien
Die Knochenproben stammen von einer Frau, die bei ihrem Tod 30 bis 35 Jahre alt war, sowie von einem 18 bis 20 Jahre alten Mann. Ihre mumifizierten Überreste gehörten zu insgesamt 41 Körpern, die seit der Entdeckung des Fundorts im Jahr 1957 geborgen worden waren.
Ursprünglich sollte die menschliche DNA untersucht werden. Bei der Suche nach Spuren alter Krankheitserreger stieß das Team jedoch in zwei Fällen auf Fragmente des Variolavirus, das Pocken verursacht. Aus diesen Fragmenten wurden Genome rekonstruiert und mit altem sowie modernem Virusmaterial verglichen.
Damit erhält die aus historischen Berichten bekannte Ausbreitung der Pocken nach der Ankunft europäischer Kolonisatoren erstmals eine direkte genetische Grundlage.
Die Analyse stützt außerdem eine neue Deutung kleiner Hautveränderungen an den Oberkörpern der Mumien. Diese waren zuvor mit einer chronischen Arsenbelastung in Verbindung gebracht worden, könnten nach Ansicht des Teams aber auch von den für Pocken typischen Pusteln stammen. Die Studie belegt diese Erklärung nicht abschließend.
Die Genome schließen eine Lücke der Kolonialgeschichte
Schriftliche Quellen berichten, dass Pocken indigene Gemeinschaften in Amerika seit dem frühen 16. Jahrhundert schwer trafen. Wo solche Aufzeichnungen fehlen, kann die Paläogenomik zusätzliche Hinweise liefern: Dabei werden erhaltene DNA-Fragmente aus menschlichen Überresten identifiziert und evolutionär mit anderen Erregern verglichen.
Das ist für die historische Einordnung bedeutsam, weil Dokumente meist nur größere Ausbrüche erfassen. Die beiden Funde zeigen dagegen eine kleine lokale Gruppe, zu deren Infektionen keine schriftliche Überlieferung bekannt ist. Für die Erforschung der Kolonisierung bedeutet dies, dass sich die Wege eingeschleppter Krankheiten nicht mehr allein aus Berichten, sondern auch unmittelbar aus biologischen Spuren rekonstruieren lassen.
Die Untersuchung berührt zugleich ethisch sensible Fragen. Probenentnahmen verbrauchen Material und greifen in menschliche Überreste ein. Das Team betonte deshalb, dass hinter jeder DNA-Extraktion ein Mensch stehe und nicht bloß ein Datenpunkt – ein besonders wichtiger Gesichtspunkt im Umgang mit indigenen Bestattungen.
Impfungen könnten den Evolutionsdruck verändert haben
Nach den Berechnungen der Forschenden veränderte sich das Pockenvirus bis zum 16. Jahrhundert über einen langen Zeitraum genetisch. Während der kolonialen Expansion und großer Epidemien im 17. und 18. Jahrhundert verlangsamte sich diese Entwicklung demnach deutlich. Eine mögliche Erklärung des Teams ist, dass das Virus in Bevölkerungen mit geringer Immunität bereits erfolgreich zirkulieren konnte und daher weniger Anpassungsdruck bestand.
Im 19. Jahrhundert scheint die Evolutionsrate wieder gestiegen zu sein, als Impfungen zunehmend verbreitet wurden. Die Daten zeigen dabei einen zeitlichen Zusammenhang; sie beweisen nicht, dass die Impfkampagnen allein die genetischen Veränderungen verursachten.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Bevölkerungsbewegungen, vorhandene Immunität und Gesundheitsmaßnahmen die evolutionären Bedingungen für Krankheitserreger verändern können.
Edward Jenner entwickelte 1796 einen Pockenimpfstoff. Nach internationalen Impfkampagnen wurde 1977 in Somalia der letzte natürlich aufgetretene Fall registriert; 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Krankheit für ausgerottet. Die neue Studie kann daher nicht nur eine historische Lücke schließen. Sie liefert auch einen Ansatz, um bei heutigen Erregern wie Influenza, SARS-CoV-2 oder Mpox genauer zu untersuchen, wie menschliche Gesellschaften und medizinische Eingriffe deren Evolution beeinflussen.

























