Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige hat in den ersten drei Monaten nur begrenzt gewirkt. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde eSafety griffen im März noch 81,5 Prozent der befragten Zehn- bis 15-Jährigen auf mindestens einen altersbeschränkten Dienst zu. Vor dem Inkrafttreten der Regeln am 10. Dezember waren es rund 86 Prozent gewesen. Deutlicher sank zwar der Anteil der Kinder mit eigenen Konten, doch viele Plattformen prüften das Alter offenbar nicht wirksam. Die Zahlen stammen aus der ersten Auswertung einer auf zwei Jahre angelegten Studie mit mehr als 4.100 Kindern und Familien.
- Der Anteil der unter 16-Jährigen mit einem Konto auf einer erfassten Plattform sank von 52,4 auf 42,1 Prozent.
- Weiterhin nutzten 81,5 Prozent der Befragten mindestens einen altersbeschränkten Social-Media-Dienst.
- Die Hälfte der Kinder gab an, von einer genutzten Plattform noch nicht nach ihrem Alter gefragt worden zu sein.
- Die eSafety-Behörde untersucht die Folgen des Verbots über einen Zeitraum von zwei Jahren.
Vor dem Verbot waren soziale Netzwerke fest im Alltag verankert
Die australischen Vorgaben erfassen derzeit Facebook, Instagram, Kick, Reddit, Snapchat, Threads, TikTok, Twitch, X und YouTube. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen einem eigenen Konto und dem bloßen Zugriff: Zahlreiche Inhalte lassen sich auch ohne Anmeldung ansehen. So zählt bereits das Abrufen eines YouTube-Videos oder eines Twitch-Streams als Nutzung eines sozialen Netzwerks.
Vor dem Stichtag gaben 86 Prozent der befragten Kinder an, mindestens eine Plattform mit Altersbeschränkung zu verwenden. Das Verbot sollte den Zugang von unter 16-Jährigen erschweren, traf aber auf Dienste mit sehr unterschiedlichen Verfahren zur Alterskontrolle. Bei manchen Angeboten genügte weiterhin eine eigene Altersangabe.
Eine weitere, im Mai von drei australischen Universitäten durchgeführte Befragung von mehr als 1.000 Minderjährigen ab zehn Jahren hatte ebenfalls auf Umgehungsmöglichkeiten hingewiesen: 61 Prozent erklärten dort, von der Regelung nicht betroffen zu sein und die Alterskontrollen problemlos umgehen zu können.
Weniger Konten, aber weiterhin hohe Nutzung
In der eSafety-Auswertung berichtete etwa ein Drittel der Kinder, dass wegen des Verbots ein Konto geschlossen oder deaktiviert worden sei. Insgesamt ging der Anteil mit Accounts auf erfassten Plattformen um gut zehn Prozentpunkte zurück. Bei Reddit blieb er jedoch mit 3,6 Prozent unverändert; bei Threads stieg er von 1,5 auf zwei Prozent und bei Kick von 0,2 auf 0,6 Prozent.
Die Zahlen bedeuten, dass das Verbot eigene Konten bislang stärker reduziert hat als den tatsächlichen Kontakt mit Social-Media-Inhalten.
Im März hatten 73,6 Prozent der Zehn- bis 15-Jährigen innerhalb der vorherigen vier Wochen YouTube aufgerufen. Jeweils mindestens ein Viertel nutzte TikTok, Snapchat oder Instagram. Zugleich wichen einige Kinder auf nicht erfasste Plattformen aus: Bei Pinterest stieg der Anteil von 16,6 auf 21,8 Prozent, bei BeReal von 0,2 auf 2,2 Prozent. Für Mastodon wurden nach zuvor null nun 0,7 Prozent gemeldet.
Hinweise auf Schwächen der Altersprüfung liefert auch die Befragung selbst. Gut 37 Prozent sagten, in ihrem Konto sei ein Alter über 16 Jahren hinterlegt. Bei 18,2 Prozent habe die Plattform das Alter falsch erfasst, rund elf Prozent erhielten Hilfe ihrer Eltern beim Umgehen der Beschränkung. Weitere 7,4 Prozent verwendeten dafür ein VPN.
Daneben verlagerte sich die Aktivität teilweise: Der Anteil der Kinder, die Messenger nutzten, nahm von 40,5 auf 52,3 Prozent zu. Bei Videospielen stieg er von 26,4 auf 29 Prozent. Für die Häufigkeit der Nutzung von KI-Chatbots, Assistenten oder digitalen Begleitern stellte die Untersuchung dagegen keine statistisch signifikante Veränderung fest.
Die Langzeitstudie soll dauerhafte Folgen sichtbar machen
Ein positives Signal sieht die Behörde beim Gefühl, ohne soziale Medien etwas zu verpassen: Dieser Anteil sank statistisch signifikant von 43,3 auf 36,3 Prozent. Weniger als neun Prozent berichteten jeweils von Problemen wie erschwerter Kommunikation, geringerer Verbundenheit mit Gleichaltrigen oder dem Vermissen sozialer Medien. Andere Kinder nannten Vorteile, darunter ein größeres Sicherheitsgefühl im Netz und bessere Beziehungen. Gleichzeitig nahm das Wissen der Eltern über das Nutzungsverhalten ab, besonders bei Mädchen sowie bei Kindern zwischen zehn und zwölf Jahren.
eSafety-Kommissarin Julie Inman Grant wertet die Daten als beginnende Wirkung, sieht aber zugleich Defizite bei den Anbietern. Die Regierung hat bereits höhere Strafen für Plattformen angekündigt, die gegen die Regeln verstoßen. Da eine Längsschnittstudie dieselben Entwicklungen über einen längeren Zeitraum verfolgt, ist die erste Erhebung lediglich eine frühe Momentaufnahme und noch kein abschließendes Urteil.
Für Deutschland und die EU ist das australische Beispiel besonders relevant, weil es zeigt, dass ein gesetzliches Mindestalter ohne wirksame Altersprüfung den tatsächlichen Zugriff nur wenig verändern kann.
Frankreich hat als erstes EU-Land ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige beschlossen, das im September in Kraft treten soll. Die EU-Kommission will eine Vorlage für ein Verbot unter 13 Jahren und höhere Altersgrenzen bei bestimmten Websites präsentieren. In Deutschland ist noch für 2026 ein Gesetzentwurf angekündigt.
Sollte Deutschland dem australischen Modell folgen – oder braucht es zuerst verlässlichere Verfahren zur Altersprüfung?

























