Entwicklungsscreenings für Kleinkinder werden in immer mehr US-Gemeinden dort angeboten, wo Familien ohnehin zusammenkommen: in Bibliotheken, Zoos, auf Bauernmärkten oder in Spielgruppen. Damit reagieren lokale Organisationen auf eine Lücke in der Vorsorge. Laut den Ergebnissen der nationalen Kinder-Gesundheitsbefragung für 2024 hatten landesweit nur gut 36 Prozent der Eltern kleiner Kinder innerhalb der vorherigen zwölf Monate einen standardisierten Fragebogen ausgefüllt. Im Bundesstaat New York waren es etwa 28 Prozent. Der neue Ansatz löst das Screening aus der alleinigen Umgebung der Kinderarztpraxis – ersetzt aber weder ärztliche Abklärung noch Diagnose.
- Gut 36 Prozent der befragten US-Eltern meldeten ein Entwicklungsscreening in den vorangegangenen zwölf Monaten.
- In New York lag der Anteil bei rund 28 Prozent.
- Im Onondaga County stieg die Zahl der jährlich dokumentierten Screenings seit 2019 von etwa 150 auf mehr als 4.600.
- Ein auffälliges Ergebnis ist keine Diagnose, sondern kann eine weitergehende Untersuchung auslösen.
Eine Spielgruppe machte Verzögerungen sichtbar
Wie niedrigschwellige Angebote wirken können, zeigt der Fall von Valerie Gregory. In den ersten eineinhalb Lebensjahren ihres Sohnes las sie ihm vor, sprach viel mit ihm, nahm die regulären Vorsorgetermine wahr und besuchte nach Möglichkeit wöchentlich eine Spielgruppe. Dort brachten die Organisatoren eines Tages einen standardisierten Entwicklungsfragebogen mit.
Obwohl Gregory regelmäßig mit ihrem Sohn in einer Kinderarztpraxis gewesen war, hatte sie ein solches Instrument zuvor nicht gesehen. Das in weniger als 20 Minuten ausgefüllte Screening zeigte Hinweise darauf, dass ihr Sohn beim Laufen und besonders bei der Sprachentwicklung zurücklag. Nach Gregorys Darstellung führte diese erste Auffälligkeit zu Therapien, die ihm einen besseren Start in Schule und Alltag ermöglichten.
Der Fall verdeutlicht die Funktion der Fragebögen: Sie sollen Auffälligkeiten sichtbar machen, die im Alltag oder bei einer gewöhnlichen Untersuchung unbemerkt bleiben können.
Fachgesellschaft empfiehlt feste Untersuchungszeitpunkte
Die American Academy of Pediatrics empfiehlt bereits seit 25 Jahren, Eltern bei regulären Arztbesuchen standardisierte Fragebögen zur Entwicklung ihrer kleinen Kinder ausfüllen zu lassen. Eine Empfehlung von 2006 nennt dafür das Alter von 9, 18 und 30 Monaten. Hinzu kommen Empfehlungen für eigene Screenings auf Autismus sowie auf die soziale und emotionale Entwicklung.
Je nach Version fragen die Instrumente beispielsweise, ob ein 18 Monate altes Kind mehrere Wörter zu einer einfachen Aussage verbindet oder sicher läuft und nur selten fällt. Solche Antworten können auf weiteren Untersuchungsbedarf hinweisen. Sie belegen jedoch für sich genommen weder eine Entwicklungsstörung noch Autismus.
Das bedeutet in der Praxis: Ein Screening sortiert nicht zwischen „gesund“ und „krank“, sondern entscheidet zunächst nur, ob eine genauere Abklärung sinnvoll sein könnte.
Die US-Daten beruhen auf den Angaben der Eltern und könnten die tatsächliche Zahl unterschätzen. Manche Befragte erinnern sich möglicherweise nicht an den Fragebogen oder wussten nicht, welchem Zweck er diente. Eine Studie von 2020, die Kinderärzte befragte, kam dem Bericht zufolge auf einen höheren Wert: Fast zwei Drittel gaben an, zumindest einige Entwicklungsscreenings durchzuführen. Für die Kinderärztin Liz Isakson bleibt fehlendes Wissen der Eltern dennoch ein Problem, selbst wenn ein Fragebogen formal eingesetzt wurde.
Screenings außerhalb der Praxen erreichen mehr Familien
In New York und 29 weiteren Bundesstaaten unterstützt das Netzwerk Help Me Grow lokale Organisationen dabei, Angebote zur kindlichen Entwicklung zugänglicher zu machen. Im Bundesstaat New York ist das Netzwerk in sechs Regionen aktiv, darunter Long Island, die Finger Lakes sowie die Städte Buffalo und Syracuse.
Im Onondaga County, zu dem Syracuse gehört, nahm die Zahl der von der Gruppe dokumentierten jährlichen Screenings seit Beginn der Kampagne 2019 um das Dreißigfache zu: von ungefähr 150 auf mehr als 4.600. Für Familien bedeutet der Ansatz potenziell, dass der erste Zugang zu einer Entwicklungsabklärung weniger davon abhängt, ob ihre jeweilige Praxis einen standardisierten Fragebogen einsetzt und dessen Zweck verständlich erklärt.
Kosten bremsen die Umsetzung in Kinderarztpraxen
Als Hindernis gelten unter anderem die Kosten. Praxen benötigen etwa elektronische Geräte für die Fragebögen und müssen Beschäftigte darin schulen, Ergebnisse auszuwerten und den Eltern zu erläutern. Nach Angaben von Fachleuten ist zudem die Erstattung durch Versicherungen und Medicaid teilweise schwierig. Noelle Hause von der Organisation Zero to Three sagte, Kinderarztpraxen machten mit Screenings häufig Verlust.
Die genannten Quoten beschreiben das US-Gesundheitssystem und lassen sich nicht unmittelbar auf Deutschland übertragen. Auch für deutschsprachige Leser ist die grundsätzliche Unterscheidung jedoch relevant: Ein standardisierter Entwicklungscheck ist ein Instrument zur Früherkennung, während eine Diagnose erst nach weiterer fachlicher Untersuchung gestellt werden kann.
Sollten Entwicklungsscreenings häufiger auch in Bibliotheken, Familienzentren oder Spielgruppen angeboten werden – oder gehören sie ausschließlich in die Kinderarztpraxis?




























