Europas Fußballverbände haben Gianni Infantino zum Rückzug gezwungen, doch über seine Zukunft an der FIFA-Spitze ist damit noch nicht entschieden. Nach heftiger internationaler Kritik und einer Boykottdrohung aus Europa gab der Präsident des Weltverbands den zuvor im Geheimen geplanten Investorendeal auf. Inzwischen distanzieren sich auch hochrangige FIFA-Funktionäre von dem Vorgehen. Zugleich veröffentlichte Infantino Unterstützungsbotschaften aus Bhutan, Marokko, Katar, Kuwait, Sri Lanka und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Für Deutschland und die übrigen europäischen Verbände stellt sich nun die Frage, ob aus der Kritik ein organisierter Versuch wird, Infantino vor der regulären Wahl 2027 abzulösen.
- Infantino zog den geplanten Investorendeal nach internationaler Kritik und einer europäischen Boykottdrohung zurück.
- Mehrere nationale Verbände stellten sich anschließend öffentlich hinter den FIFA-Präsidenten.
- Die reguläre Präsidentenwahl ist für den 18. März 2027 in Rabat angesetzt.
- Eine Sondersitzung des FIFA-Councils müssten mindestens 19 seiner 37 Mitglieder verlangen.
Europas Verbände könnten ihre Stimmen geschlossen einsetzen
Die Solidaritätsbekundungen kleinerer Verbände sind für Infantinos Machtbasis keineswegs bedeutungslos. In der FIFA gilt das Prinzip „ein Verband, eine Stimme“. Bhutan verfügt bei Abstimmungen damit formell über dasselbe Gewicht wie Deutschland.
Das bedeutet: Politischer Einfluss in der FIFA hängt nicht allein von sportlicher oder wirtschaftlicher Bedeutung ab, sondern davon, wie viele der 211 Mitgliedsverbände ein Lager hinter sich versammeln kann.
Gerade deshalb ist die Haltung der Kontinentalverbände wichtig. Der asiatische Verband AFC, der Infantino gewöhnlich unterstützt, hatte sich der Kritik aus Europa und Nordamerika angeschlossen. Er beanstandete die mangelhafte Kommunikation und verlangte institutionelle Reformen. Gleichzeitig kamen fünf der von Infantino verbreiteten Unterstützungsbotschaften von asiatischen Nationalverbänden.
Für die europäischen Kritiker heißt das: Der erfolgreiche Widerstand gegen den Investorendeal lässt sich nicht automatisch in eine Mehrheit gegen den Präsidenten übersetzen. Die UEFA umfasst zwar 55 Verbände, doch bei einer weltweiten Abstimmung müssen weitere Konföderationen oder einzelne nationale Verbände hinzukommen.
Auch innerhalb der FIFA wird Infantinos Vorgehen kritisiert
Der Konflikt reicht inzwischen bis in die Führung des Weltverbands. Infantinos Chefberater Carlos Cordeiro trat zurück. Betriebsdirektor Kevin Lamour warf dem Präsidenten vor, Mitarbeiter hintergangen und eingeschüchtert zu haben. Generalsekretär Mattias Grafström sprach laut „The Athletic“ und „Sky Sports“ in einer internen E-Mail von einer „traurigen und verwerflichen Abfolge von Ereignissen“.
Auch Arsène Wenger, bei der FIFA für die globale Fußballentwicklung zuständig, erklärte, er sei an den Plänen nicht beteiligt gewesen. Den Verzicht auf das Vorhaben bezeichnete er als „absolut notwendig“. Wenger bekannte sich zudem zu einer unabhängigen FIFA, die dem Fußball mit Transparenz und Integrität dienen solle, nannte Infantino jedoch nicht ausdrücklich.
Die aktuelle Auseinandersetzung steht zudem nicht für sich. Bereits 2018 waren unter dem Namen „Project Trophy“ Pläne verfolgt worden, Anteile an FIFA-Rechten zu verkaufen. Das Vorhaben scheiterte damals am internen Widerstand, ohne dass Infantino sein Amt verlor.
Für einen vorzeitigen Machtwechsel gelten hohe Hürden
Turnusmäßig soll am 18. März 2027 in Rabat über die FIFA-Spitze abgestimmt werden. Infantinos Gegner könnten jedoch versuchen, schon vorher eine Sondersitzung des FIFA-Councils herbeizuführen und ihn dort zum Rücktritt aufzufordern. Dafür wären Anträge von mindestens 19 der 37 Ratsmitglieder erforderlich; die Sitzung müsste anschließend innerhalb von zwei Wochen stattfinden.
Ein Sonderkongress wäre eine weitere Möglichkeit. Ihn müssten mindestens 43 der insgesamt 211 Mitgliedsverbände beantragen. Diese Schwellen zeigen, dass öffentliche Kritik allein nicht genügt: Für einen tatsächlichen Machtwechsel braucht es eine koordinierte, kontinentübergreifende Allianz und einen Gegenkandidaten.
Als mögliche Bewerber werden UEFA-Präsident Alexander Ceferin, CONCACAF-Chef Victor Montagliani und Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness genannt.
Klaveness wurde vom früheren FIFA-Präsidenten Sepp Blatter ins Gespräch gebracht und war in den vergangenen Jahren innerhalb des Verbands eine deutliche Kritikerin Infantinos. Ob einer der Genannten tatsächlich kandidiert, ist bislang offen.
Auch aus früher verlässlichen Unterstützerkreisen bleibt die Rückendeckung begrenzt. Aus Afrika sind bislang nur wenige öffentliche Loyalitätsbekundungen zu hören. Das Weiße Haus hielt sich ebenfalls zurück. US-Präsident Donald Trump sagte auf die Frage, ob Infantino mit ihm über die Investorenpläne gesprochen habe: „Nein, ich habe nie mit ihm gesprochen.“ Berichte, Infantino habe anschließend erfolglos versucht, Trump und andere Mitglieder der US-Regierung zu erreichen, wies die FIFA am Dienstag als „frei erfunden“ zurück.
Sollten Europas Verbände nun auf einen vorzeitigen Führungswechsel bei der FIFA drängen – oder die reguläre Wahl 2027 abwarten? Teilen Sie uns Ihre Einschätzung mit.




























