Die All India Football Federation (AIFF) ist der nationale Fußballverband eines Landes mit 1,45 Milliarden Einwohnern – und steht im Zentrum einer Struktur, die den Weg des Nationalteams zur WM erschwert. Während die Weltmeisterschaft 2026 in ihre letzte Woche ging, blieb Indien auf Rang 138 der Weltrangliste und hatte zudem die Qualifikation für den Asien-Cup 2027 verpasst. Verantwortliche aus Verband und Klubs verweisen auf schwache Nachwuchsarbeit, zu wenige qualifizierte Trainer und eine schwer koordinierbare Vielzahl von Landesverbänden. Für Fans wie den in San Francisco lebenden Softwareingenieur Gourav Roy rückt der Traum von einer indischen WM-Teilnahme damit weiter in die Ferne.
- Indien liegt auf Platz 138 der Weltrangliste und ist nicht für den Asien-Cup 2027 qualifiziert.
- Nachwuchsspieler bestreiten nach Angaben eines AIFF-Funktionärs häufig nur 12 bis 15 Pflichtspiele pro Jahr.
- Die Indian Super League hat bislang weder einen Sender noch ihren Spielplan bekannt gegeben.
- FC-Goa-Chef Ravi Puskur rechnet mit Jahrzehnten bis zu einer möglichen WM-Qualifikation.
Landesverbände erschweren eine gemeinsame Strategie
Fußball ist in dem vom Cricket geprägten Land vor allem in einzelnen Bundesstaaten wie Westbengalen, Goa, Kerala, Mizoram und Manipur populär. Die 2014 mit Unterstützung des Konzerns Reliance Industries gestartete Indian Super League (ISL) sollte daran etwas ändern, hatte laut dem Bericht aber nur begrenzten Erfolg.
Die AIFF muss dabei nicht nur eine Nationalmannschaft organisieren, sondern ihre Pläne mit den Verbänden der einzelnen Bundesstaaten abstimmen. In einem solchen System können zentrale Reformen nur greifen, wenn sie vor Ort umgesetzt werden. Genau diese einheitliche Linie fehlt nach Einschätzung von Personen, die im indischen Fußball arbeiten.
NorthEast-United-Geschäftsführer Mandar Tamhane sieht deshalb nicht allein die Klubs in der Pflicht. Regierung, Unternehmen, Landesverbände und weitere Beteiligte müssten gemeinsam handeln; die AIFF müsse diese Zusammenarbeit sicherstellen.
Das bedeutet: Selbst neue Investitionen einzelner Vereine würden das Grundproblem nicht lösen, solange Nachwuchsarbeit, Wettbewerbe und Verbandsstrukturen regional uneinheitlich bleiben.
Junge Spieler sammeln zu wenig Wettbewerbspraxis
Als besonders große Schwachstelle gilt die Ausbildung junger Spieler. Lalnghinglova Hmar, Mitglied des AIFF-Exekutivkomitees und Sportminister von Mizoram, verweist auf den Abstand zu Südkorea und Japan: Dort absolvierten Kinder mehr als 40 Pflichtspiele pro Saison, während indische U15-Spieler meist nur auf 12 bis 15 Partien im Jahr kämen.
Manche Talente würden bereits nach weniger als 20 Pflichtspielen in ein Trainingslager einer Jugendnationalmannschaft berufen. Hinzu kämen zu wenige qualifizierte Trainer; in mehreren Bundesstaaten gebe es nicht einmal eine Jugendliga.
Regelmäßige Spiele sind für Nachwuchssysteme mehr als ein Termin im Kalender: Erst im Wettbewerb können Spieler Trainingserfahrungen anwenden, von Trainern beurteilt werden und sich an konstanten Leistungsdruck gewöhnen. Für Indien heißt das, dass bessere Infrastruktur allein nicht ausreichen würde, wenn es weiterhin an Ligen, Trainern und verlässlichen Spielplänen fehlt.
Die Indian Super League kämpft mit Unsicherheit
Auch der Profibereich bietet derzeit wenig Stabilität. 2025 verlängerten die AIFF und Reliance ihre Partnerschaft nicht. Die Verhandlungen stockten im Umfeld eines Verfahrens vor dem Obersten Gerichtshof zur Einführung einer neuen Verbandsverfassung.
Unter einer neuen, von den Klubs getragenen Führung hat die ISL bislang weder einen Übertragungspartner festgelegt noch ihre Spieltermine veröffentlicht. Die Unsicherheit führte im vergangenen Jahr dazu, dass einige Teams Spielergehälter aussetzten; auch die Entwicklungsprogramme der Vereine wurden beeinträchtigt.
Ravi Puskur, Geschäftsführer des ISL-Klubs FC Goa, hält zunächst einen vierjährigen Zyklus für nötig, um das System neu zu ordnen. Danach seien weitere 20 bis 25 Jahre erforderlich, um Indien auf WM-Niveau zu bringen.
Puskurs Einschätzung macht deutlich, dass die Krise nicht mit einem einzelnen Trainerwechsel oder einer kurzfristigen Reform zu beheben wäre.
Ein „Sportpass“ soll neue Spieler verfügbar machen
Im Zusammenhang mit Indiens Bewerbung um die Olympischen Spiele 2036 erwägt die Regierung einen „Sportpass“. Dieser soll Sportlern indischer Herkunft ermöglichen, das Land zu vertreten. Die AIFF-Führung unterstützt den Vorschlag und erhofft sich davon bessere Leistungen der Nationalmannschaft, doch von einer gesetzlichen Umsetzung ist das Vorhaben noch weit entfernt.
Für Hmar ist zudem das Tempo entscheidend: Andere Fußballnationen entwickelten sich ebenfalls weiter. Selbst eigene Fortschritte würden daher nicht automatisch reichen, um den Abstand zu verkürzen.
Fans bleibt vorerst nur die Hoffnung. Gourav Roy fuhr mehr als 9.650 Kilometer (6.000 Meilen) durch die USA, um beide Halbfinalspiele und das Endspiel der WM 2026 zu besuchen. Es sei das Nächstbeste zu seinem Kindheitstraum gewesen, Indien bei einer Weltmeisterschaft zu sehen. Über die diskutierte Erweiterung auf 64 Teilnehmer sagte er sinngemäß: Mehr Plätze seien kein Geschenk, aber sie bedeuteten mehr Hoffnung.
Welche Reform sollte Indien zuerst angehen: Jugendligen, Trainerausbildung oder die Neuordnung von Verband und Profiliga?

























