Auf der Schwäbischen Alb sind zwei nur daumennagelgroße Vogelfiguren aus Mammutelfenbein ans Licht gekommen. Ein Team der Universität Tübingen barg die rund 40.000 Jahre alten Stücke 2025 in der Höhle Hohle Fels bei Schelklingen, in einem UNESCO-Welterbegebiet in Baden-Württemberg. Mit Maßen von jeweils ungefähr zwei mal einem mal einem halben Zentimeter gelten sie als die kleinsten bislang entdeckten Darstellungen aus dieser Epoche. Eine Figur ist vollständig erhalten und könnte einen brütenden Vogel zeigen; die zweite ist unvollständig, trägt aber ausgebreitete Flügel.
- Die beiden Vogelfiguren wurden in derselben Fundschicht und etwa 1,5 Meter voneinander entfernt entdeckt.
- Die Miniaturen wiegen in ihrem heutigen Zustand lediglich 1,3 beziehungsweise 0,7 Gramm.
- Zu sehen sind die Funde bis zum 4. April 2027 im Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst in Blaubeuren.
Selbst Augen und Federzeichnungen sind erkennbar
Die vollständig erhaltene Figur besitzt deutlich herausgearbeitete Augen und scheint auf dem Boden zu liegen. Nach Einschätzung der Forscher könnte es sich um ein Schneehuhn handeln, möglicherweise beim Brüten. Überreste dieser Vogelart wurden auch im Tierknochenmaterial aus dem Hohle Fels gefunden.
Beim zweiten Stück sind ein markanter Schnabel und eingeritzte Hinweise auf das Gefieder zu erkennen. Die ausgebreiteten Flügel lassen mehrere Interpretationen zu: Der Vogel könnte fliegen, landen oder eine Haltung während der Balz einnehmen. Auch die Art ist nicht eindeutig bestimmbar. Neben einem Schneehuhn kommen ein anderes Raufußhuhn oder ein Greifvogel infrage.
Trotz ihrer winzigen Abmessungen halten die Schnitzereien konkrete Beobachtungen von Körperhaltung, Schnabel, Augen und Gefieder fest.
Die meisten anderen Figuren aus dieser Zeit sind zwischen drei und neun Zentimeter groß. Für Ausgrabungsleiter Nicholas Conard von der Universität Tübingen belegen die neuen Vogelfiguren daher, wie präzise die frühen Künstler Mammutelfenbein selbst im Miniaturformat bearbeiten konnten.
Die Fundschicht verbindet beide Vögel miteinander
Beide Stücke stammen aus derselben Aurignacien-Schicht und sind ähnlich alt. Deshalb halten es die Forscher für möglich, dass sie von derselben Person geschnitzt wurden. Beweisen lässt sich das bislang nicht.
Als Aurignacien bezeichnen Archäologen einen Abschnitt der frühen Altsteinzeit, der mit der Ausbreitung moderner Menschen verbunden ist. Die entsprechenden Schichten im Hohle Fels gehören zur frühen Anwesenheit moderner Menschen im oberen Donauraum. Aus ihnen stammen bereits einige der ältesten bekannten Beispiele figürlicher Kunst.
Die gemeinsame Fundschicht ist dabei mehr als eine Ortsangabe: In der Archäologie liefert die Lage eines Objekts entscheidenden Kontext für seine zeitliche und kulturelle Einordnung. Für die Forschung bedeutet der geringe Abstand der beiden Vögel, dass ihre mögliche Verbindung genauer untersucht werden kann, ohne daraus bereits auf einen gemeinsamen Urheber schließen zu können.
Vogeldarstellungen konzentrieren sich im Hohle Fels
Mit den beiden Neufunden sind aus dem Hohle Fels nun insgesamt drei sorgfältig gearbeitete Vogelfiguren bekannt. An den anderen Fundorten der Region wurde bislang keine solche Darstellung entdeckt. Figuren von Mammuts und Löwen kommen dagegen häufiger vor; außerdem sind Bären, Pferde, Fische und Bisons vertreten.
Die Häufung der Vögel an einer einzigen Höhle könnte darauf hindeuten, dass bestimmte Motive mit einzelnen Orten und deren sozialem oder landschaftlichem Umfeld verbunden waren.
Welche Bedeutung die Miniaturen für die Menschen vor rund 40.000 Jahren hatten, bleibt offen. Denkbar sind persönliche Talismane oder Zeichen der Identität jener Person, die sie herstellte oder bei sich trug. Solche Deutungen sind jedoch Hypothesen und lassen sich aus den Figuren allein nicht ableiten.
Die Originale werden in Blaubeuren gezeigt
Besucher können die Vogelfiguren im Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst, kurz urmu, in Blaubeuren sehen. Die Sonderausstellung läuft bis zum 4. April 2027. Das Forschungsmuseum der Universität Tübingen liegt in der Nähe der Höhlen, die 2017 unter dem Titel „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurden.
Damit bleiben die Funde nicht nur Gegenstand einer wissenschaftlichen Publikation: Für Besucher aus Baden-Württemberg und darüber hinaus werden die außergewöhnlich kleinen Originale unmittelbar zugänglich.
Was halten Sie für plausibler: Waren die Eiszeit-Vögel persönliche Talismane, Zeichen der Zugehörigkeit oder reine Kunstobjekte?

























