Die Größenangaben klingen eindrucksvoll, doch die Schlussfolgerung ist umstritten: Zwei aus dem Meeresboden der Taiwanstraße geborgene Beinknochen sollen von Denisova-Menschen stammen, die etwa 1,80 und 1,90 Meter groß waren. Yousuke Kaifu von der Universität Tokio und sein Team sehen darin Körpermaße, die mit den größten bekannten Vertretern der Gattung Homo aus dem Pleistozän vergleichbar seien. Eine wissenschaftliche Einordnung auf Phys.org warnt jedoch davor, aus diesen beiden Individuen ein Merkmal der gesamten Denisova-Menschen abzuleiten. Erschwerend kommt hinzu, dass weder der genaue Fundort noch die geologische Schicht der Fossilien dokumentiert wurden.
- Untersucht wurden ein unvollständiger Oberschenkelknochen und ein Schienbein aus dem Penghu-Kanal.
- Proteomanalysen sprechen nach Angaben des Forschungsteams für zwei Denisova-Individuen.
- Die geschätzten Körpergrößen liegen bei etwa 1,80 beziehungsweise 1,90 Metern.
- Beide Fossilien sind nicht direkt datiert und besitzen keinen gesicherten geologischen Fundkontext.
Zwei große Individuen belegen nicht, dass Denisova-Menschen als gesamte Gruppe besonders groß waren.
Die Autoren vergleichen die Körpermaße mit großen Homo-Funden
Das Team um Kaifu schätzt für das als Penghu 2 bezeichnete Individuum eine Körpergröße von ungefähr 1,80 Metern und ein Gewicht von rund 83 Kilogramm. Penghu 3 soll demnach etwa 1,90 Meter groß und ungefähr 91 Kilogramm schwer gewesen sein. Diese Werte seien, wie die Forscher schreiben, „vergleichbar mit den größten bekannten pleistozänen Homo aus Afrika und Europa“.
Grundlage der Rekonstruktion sind lange Beinknochen. Zwischen deren Abmessungen und der gesamten Körpergröße besteht bei ausreichend großen Vergleichsstichproben ein nutzbarer Zusammenhang. Weil Oberschenkelknochen und Schienbein hier nur unvollständig erhalten sind, mussten Fachleute zunächst ihre ursprüngliche Länge rekonstruieren und daraus die möglichen Körpermaße ableiten.
Die Zuordnung zu den Denisova-Menschen beruht auf alten Proteinen in den Fossilien. Ein solches Proteom umfasst die erhaltenen Proteine eines Fundes und kann Hinweise auf evolutionäre Verwandtschaft liefern, wenn keine auswertbare DNA mehr vorhanden ist. Leicht unterschiedliche Proteinsignale führten das Team zu der Annahme, dass die Knochen von zwei Menschen stammen.
Der fehlende Fundkontext begrenzt die Interpretation
Anders als bei einer kontrollierten Ausgrabung wurden die Fossilien vom Meeresboden aus dem Penghu-Kanal geborgen. Dort lagen sie zusammen mit versteinerten Überresten eiszeitlicher Landsäugetiere. Vermutlich war das Gebiet trockenes Land, als ein niedrigerer Meeresspiegel den heutigen Kanal freilegte.
Die genaue Position der Knochen und ihre Beziehung zu Sedimentschichten, Tierfunden oder möglichen Artefakten wurden jedoch nicht festgehalten. Deshalb lassen sie sich nur grob dem mittleren bis späten Pleistozän zuordnen. Diese Epoche dauerte von etwa 2,58 Millionen Jahren vor heute bis vor 11.700 Jahren.
Das bedeutet: Die Anatomie und die Proteine liefern wertvolle Informationen, doch es bleibt offen, ob beide Menschen zur gleichen Zeit oder auch nur in einem ähnlichen Zeitraum lebten.
Der Turkana-Junge zeigt die Grenzen solcher Hochrechnungen
Wie vorsichtig Größenrekonstruktionen zu behandeln sind, zeigt der sogenannte Turkana- oder Nariokotome-Junge. Das 1984 in Kenia entdeckte, ungewöhnlich vollständige Skelett eines Homo erectus war beim Tod bereits rund 1,60 Meter groß. Die Altersbestimmung fiel jedoch je nach untersuchtem Körpermerkmal unterschiedlich aus: Die Skelettentwicklung deutete auf etwa elf bis 13 Jahre, Wachstumsmerkmale in den Zähnen dagegen auf ungefähr acht oder neun Jahre.
Je nachdem, ob Homo erectus langsam mit einem jugendlichen Wachstumsschub oder schneller heranreifte, ergaben sich unterschiedliche Prognosen für seine spätere Größe. Neuere Modellierungen kommen laut der Analyse auf ungefähr 1,76 bis 1,80 Meter. Selbst dieses besonders vollständige Skelett beantwortet aber nicht, wie groß die Art im Durchschnitt war.
Für die Denisova-Menschen ist die Datengrundlage noch schmaler. Bekannt wurden sie zunächst vor allem durch genetische Sequenzen aus einzelnen Fragmenten, darunter ein kleiner Fingerknochen aus der Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge. Neuere Funde erweitern das Bild, ändern aber nichts am Grundproblem: Aussagen über typische Körpermaße benötigen mehr als zwei Individuen.
Überzeugt Sie die Rekonstruktion der beiden Körpergrößen, oder sollte die Forschung bei Aussagen über Denisova-Menschen zurückhaltender sein?




























