Vor Ostgrönland versammeln sich im Sommer inzwischen Tausende Bartenwale, die dort vor allem Kapelan jagen. Ein internationales Forschungsteam schätzt, dass 2024 mindestens 4.000 Buckelwale sowie jeweils 6.000 Finn- und Zwergwale die Grönlandsee besuchten. Die in Frontiers in Marine Science veröffentlichte Studie verbindet die zunehmende Präsenz der Tiere mit steigenden Meerestemperaturen, schwindendem Sommereis und einer Verlagerung wichtiger Fischbestände. Arten, die früher nur selten in den ostgrönländischen Küstengewässern beobachtet wurden, bilden dort mittlerweile regelmäßig gemischte Gruppen bei der Nahrungssuche.
- Die Oberflächentemperatur des Meeres östlich von Grönland ist seit den 1990er-Jahren um etwa zwei Grad Celsius gestiegen.
- Für den Sommer 2024 schätzen die Forschenden die Zahl der Finn-, Buckel- und Zwergwale in der Grönlandsee zusammen auf mindestens 16.000 Tiere.
- Als wichtigste Beute der drei Arten identifizierte das Team den kälteliebenden Kapelan.
- Im August 2025 meldete eine Schiffsbesatzung Ansammlungen von bis zu 50 Bartenwalen gleichzeitig.
Langzeitdaten zeigen eine deutliche Verschiebung
Grundlage der Untersuchung sind Beobachtungen aus mehreren Jahrzehnten. Die Forschenden werteten Aufzeichnungen von Schiffen seit 1987 aus und führten im August 2015 und 2024 systematische Flugerhebungen bis zu 50 Kilometer vor der ostgrönländischen Küste durch. Hinzu kamen weitere Luftbeobachtungen aus dem Sommer 2022, Angaben von Inuit-Jägern aus den Jahren 2023 bis 2025 und Satellitendaten von 15 markierten Bartenwalen, die zwischen 2019 und 2025 gesammelt wurden.
Ein mathematisches Modell setzte die Walbeobachtungen mit historischen Messungen von Oberflächentemperatur, Salzgehalt und Konzentration des Packeises in Beziehung. Dabei zeigte sich zwischen 1987 und 2024 eine markante Veränderung im Gebiet nördlich des 60. Breitengrads und westlich des 29. Längengrads.
Bei den schiffsgestützten Erhebungen wurde bis 2006 kein Buckelwal registriert; 2007 waren es sieben Sichtungen, 2015 bereits 26 und 2024 mehr als 150.
Auch Zwergwale wurden anfangs nur vereinzelt gesehen. Seit 2001 trafen die Erhebungsschiffe jährlich auf zehn bis 20 Tiere. Die Sichtungen von Finnwalen nahmen ebenfalls deutlich zu. Flugerhebungen dokumentierten 2015 und 2024 zudem eine nahezu durchgehende gleichzeitige Verbreitung aller drei Arten zwischen 60 und 70 Grad nördlicher Breite.
Die Studie bündelt Beobachtungs- und Umweltdaten. Damit kann sie starke zeitliche und räumliche Zusammenhänge zeigen, aber nicht experimentell beweisen, dass die Erwärmung jede einzelne Walbewegung verursacht hat.
Der Kapelan verlagert sich – die Wale folgen
Als zentrale Erklärung gilt die Beute. Nach Einschätzung der Forschenden kommen die Wale vor allem zum Fressen in die Küstengewässer. Kapelane, die auch weiter südlich zu ihrer wichtigen Nahrung zählen, haben ihre eigenen Nahrungsgebiete seit Mitte der 2000er-Jahre aus den vergleichsweise wärmeren Gewässern nördlich von Island in Richtung Grönlandsee verlagert.
Bartenwale fangen ihre Nahrung nicht mit Zähnen, sondern filtern sie mithilfe ihrer Barten aus dem Wasser. Treffen mehrere Arten auf konzentrierte Fischvorkommen, können große gemischte Ansammlungen entstehen. Das Team folgert aus den Daten, dass Finn-, Buckel- und Zwergwale der Verlagerung des Kapelans gefolgt sind.
Die Walansammlungen sind damit nicht nur ein eindrucksvolles Naturschauspiel, sondern ein sichtbares Zeichen dafür, wie sich ein marines Nahrungsnetz unter veränderten Umweltbedingungen neu sortieren kann.
Das ostgrönländische Ökosystem könnte sich dauerhaft verändern
Seit der Zeit nach Mitte der 2000er-Jahre zog sich die sommerliche Eiskante weit nach Norden zurück; entlang der Ostküste nahm die Ausdehnung des Packeises stark ab. Dadurch werden Gewässer zugänglich, die von den drei untersuchten Walarten wegen ihrer gewöhnlichen Meidung eisbedeckter Bereiche zuvor seltener genutzt wurden.
Studienleiter Mads Peter Heide-Jørgensen vom Grönländischen Institut für Naturressourcen spricht von einem grundlegenden ökologischen Regimewechsel. Eisgebundene Arten wie Narwale teilten ihren Lebensraum zunehmend mit gemäßigten Bartenwalen oder würden von ihnen verdrängt. Für das Ökosystem bedeutet das: Veränderungen bei einer Beuteart können sich auf mehrere Ebenen der Nahrungskette auswirken und die Zusammensetzung der Meeressäuger langfristig beeinflussen.
Eine kommerzielle Kapelanfischerei gibt es in dieser Region nach Angaben der Forschenden bislang nicht. Eine direkte Konkurrenz mit dem Menschen sehen sie deshalb derzeit nicht. Entscheidend bleibt jedoch, ob die neuen Nahrungsgebiete und die großen sommerlichen Walansammlungen dauerhaft bestehen – und wie andere Arten auf die Verschiebung reagieren.
Sind die neuen Walansammlungen für Sie eher ein Zeichen ökologischer Anpassung oder vor allem ein Warnsignal des Klimawandels?




























