Zwei Forschungsgruppen haben 2026 unterschiedliche Verfahren vorgestellt, die gezielt gegen schädliche Mundkeime vorgehen sollen. Ein Team um Henry Daniell von der University of Pennsylvania testete einen biotechnologisch hergestellten Kaugummi an Mundproben von Patienten mit Kopf-Hals-Krebs; die Universität berichtete darüber am 4. August. Forschende der Universität Nagoya untersuchten parallel eine lichtaktivierte Antikörpertherapie gegen das mit Parodontitis verbundene Bakterium Porphyromonas gingivalis. Beide Ansätze schonten in den bisherigen Versuchen nützliche Mikroorganismen. Einen Nutzen für Patienten belegen die präklinischen Ergebnisse allerdings noch nicht.
- Kaugummi-Extrakte senkten den HPV-Gehalt in Speichelproben um 93 Prozent und in Mundspülproben um 80 Prozent.
- Eine mit Protegrin versehene Variante reduzierte zwei krebsassoziierte Bakterien mit einer Dosis auf nahezu null.
- Die Nahinfrarot-Therapie aus Nagoya wurde bislang in menschlichen Zellkulturen und an Mäusen erprobt.
- Beide Forschungsgruppen wollen ihre zielgerichteten Verfahren weiterentwickeln.
Breit wirkende Behandlungen gaben den Anstoß
Im Mund lebt eine vielfältige Gemeinschaft von Mikroorganismen. Problematisch wird es, wenn krankheitsfördernde Arten dieses Gleichgewicht stören. Herkömmliche Antibiotika oder antimikrobielle photodynamische Therapien gegen Parodontitis können nach Angaben der Forschenden aus Nagoya neben Erregern auch nützliche Bakterien beseitigen.
Auch bei Krebsbehandlungen spielt das Mundmikrobiom eine Rolle. Eine Strahlentherapie kann laut der Studie der University of Pennsylvania hilfreiche Bakterien reduzieren und zugleich das Wachstum des krankheitsverursachenden Hefepilzes Candida albicans begünstigen. Das US-Team suchte daher nach einer Möglichkeit, bestimmte Viren und Bakterien selektiv anzugreifen.
Ausgangspunkt war ein Kaugummi aus Lablab-Bohnen. Er enthält FRIL, ein natürlich vorkommendes antivirales Protein. Für die bakterielle Wirkung ergänzten die Forschenden Protegrin, ein antimikrobielles Peptid. Untersucht wurden das humane Papillomavirus HPV sowie Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum, die mit Kopf-Hals-Krebs in Verbindung gebracht werden.
Das japanische Team wählte einen anderen Weg. Es passte eine ursprünglich für die Krebsbehandlung entwickelte Nahinfrarot-Photoimmuntherapie an. Dabei bindet ein mit einem Farbstoff verbundener Antikörper an das Ziel und wird anschließend durch Nahinfrarotlicht aktiviert. Verwendet wurde IgY, ein Antikörper aus dem Eigelb von Hühnern, die gegen P. gingivalis immunisiert worden waren.
Laborversuche zeigen eine selektive Wirkung
Bei den US-Versuchen verringerten Extrakte des Bohnenkaugummis den HPV-Gehalt in Speichelproben um 93 Prozent. In Proben aus Mundspülungen lag die Reduktion bei 80 Prozent. Eine einzelne Dosis des zusätzlich mit Protegrin ausgestatteten Kaugummis brachte die Mengen von P. gingivalis und F. nucleatum auf nahezu null. Nützliche Mundbakterien schienen dabei nicht geschädigt zu werden. Die Ergebnisse erschienen in Scientific Reports.
Die Studie zeigt jedoch nur, dass Kaugummi-Extrakte die untersuchten Mikroben außerhalb des menschlichen Körpers reduzieren können – nicht, dass der Kaugummi Krebs verhindert oder behandelt.
In Nagoya band der Antikörper-Farbstoff-Komplex in Zellkulturen selektiv an P. gingivalis. Nach der Bestrahlung mit Nahinfrarotlicht wurde die äußere Membran des Bakteriums beschädigt, während andere Bakterien und menschliche Zahnfleischzellen unbeeinträchtigt blieben. Eine konventionelle photodynamische Therapie verursachte im Vergleich Zellschäden und verzögerte die Heilung.
Im Mausmodell verringerte die als NIR-PAT² bezeichnete Behandlung den Verlust des zahntragenden Knochens signifikant. Speichelanalysen zeigten zudem, dass nützliche Streptokokken erhalten blieben. Antibiotika und die herkömmliche Lichttherapie entfernten im Vergleich sowohl krankheitsfördernde als auch nützliche Bakterien. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Journal of Translational Medicine.
Sollte sich diese Selektivität beim Menschen bestätigen, könnten Behandlungen künftig Erreger bekämpfen, ohne das gesamte mikrobielle Gleichgewicht im Mund zu beeinträchtigen.
Klinische Prüfungen und weitere Zielkeime sind die nächsten Schritte
Das Team der University of Pennsylvania sieht in seinen Ergebnissen eine Grundlage für klinische Studien. Untersucht werden soll, ob der Kaugummi ergänzend zu bestehenden Krebsbehandlungen oder vorbeugend gegen Infektion und Übertragung eingesetzt werden könnte. Ein konkreter Zeitplan für solche Prüfungen wurde nicht genannt.
Die Forschenden aus Nagoya räumen ein, dass Parodontitis von mehreren Bakterienarten verursacht wird und der Fokus auf nur einen Erreger möglicherweise nicht genügt. Sie wollen deshalb öffentlich verfügbare Daten zu Mundbakterien mithilfe künstlicher Intelligenz auswerten, weitere relevante Arten bestimmen und deren Wechselwirkungen untersuchen.
Für beide Ansätze gilt damit: Die Resultate sind ein Ausgangspunkt für weitere Forschung, aber noch keine Grundlage für medizinische Empfehlungen. Erst Studien mit Menschen können klären, ob die beobachtete Wirkung sicher ist und sich in einen tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen übersetzen lässt.
Wären gezielte Therapien, die das Mundmikrobiom möglichst erhalten, für Sie überzeugender als breit wirkende Behandlungen – oder warten Sie zunächst klinische Daten ab?




























