Ein ehemaliger stellvertretender Schulleiter aus Chicago kann den US-Lehrermangel an der Zahl der Bewerbungen ablesen: Ende der 1990er-Jahre meldeten sich auf eine ausgeschriebene Physiklehrerstelle noch 20 Menschen, auf eine Englischstelle 150. Vor seinem Ausscheiden aus dem Schulbezirk seien für dieselben Stellen oft nur noch ein oder zwei qualifizierte Bewerbungen eingegangen, schreibt er in einem Meinungsbeitrag für den „Hechinger Report“. Landesweit seien schätzungsweise 425.000 Stellen unbesetzt oder mit nicht ausreichend qualifiziertem Personal besetzt – etwa jede achte Lehrerposition.
- In 48 US-Bundesstaaten gibt es erhebliche Engpässe in der Sonderpädagogik.
- Rund 90 Prozent des Bedarfs an neuen Lehrkräften entstehen durch Abgänge.
- Etwa zwei Drittel der ausscheidenden Lehrkräfte gehen aus anderen Gründen als dem Ruhestand.
- Seit 2018 verlangt Michigan mindestens 600 Stunden Praxiserfahrung in der Lehrerausbildung.
Entlassungen und offene Stellen schließen sich nicht aus
Auf den ersten Blick wirkt die Lage widersprüchlich: Während manche Schulbezirke Stellen streichen oder Lehrkräfte entlassen, bleiben andernorts Positionen offen. Dem Beitrag zufolge hängen die Kürzungen vor allem mit sinkenden Schülerzahlen, auslaufenden Pandemiehilfen oder knapperen Budgets zusammen. Sie seien kein Beleg dafür, dass plötzlich genügend qualifizierte Bewerber verfügbar wären.
Der entscheidende Punkt ist die Verteilung. Ein Schulbezirk kann insgesamt weniger Stellen finanzieren und trotzdem keine geeigneten Lehrkräfte für Sonderpädagogik, zweisprachigen Unterricht oder Physik an weiterführenden Schulen finden. Ein rechnerisches Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf nationaler Ebene sagt deshalb wenig darüber aus, ob Personal mit der richtigen Qualifikation am richtigen Ort verfügbar ist.
Der US-Lehrermangel ist damit nicht nur ein Mengenproblem, sondern vor allem ein Problem der Fächer, Qualifikationen und Standorte.
Das dezentral organisierte US-Bildungswesen verstärkt die Bedeutung regionaler Unterschiede: Schulbezirke stellen Personal für ihre eigenen Schulen ein, während Ausbildung und Zulassung von Lehrkräften durch Vorgaben der Bundesstaaten geprägt werden. Für die Praxis bedeutet das, dass ein Überangebot in einer Region einen Mangel in einem anderen Bezirk nicht automatisch ausgleicht.
Ärmere Bezirke bauen offene Stellen langsamer ab
Wie ungleich die Engpässe verteilt sind, zeigt eine Analyse des Center for Tax and Budget Accountability für Illinois. In den wohlhabendsten Schulbezirken ging die Zahl der offenen Stellen seit 2023 um 31 Prozent zurück, in den ärmsten Bezirken lediglich um 5 Prozent. Bei den Chicago Public Schools stieg sie sogar um 21 Prozent, während zugleich an Verbesserungen beim Nachwuchs gearbeitet werde.
Besonders angespannt ist die Sonderpädagogik: 48 Bundesstaaten melden dort erhebliche Engpässe, offene Stellen kommen doppelt so häufig vor wie in anderen Fachgebieten. Können Schulen Positionen nicht regulär besetzen, greifen sie dem Beitrag zufolge häufig auf Menschen mit Notfallgenehmigungen, vorläufigen Lizenzen oder ohne pädagogische Ausbildung zurück.
Nach Angaben des Learning Policy Institute verlassen solche Lehrkräfte den Beruf deutlich häufiger. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus niedrigerer Qualifikation, häufigen Personalwechseln und erneutem Einstellungsbedarf. Für betroffene Schülerinnen und Schüler bedeutet dies, dass ausgerechnet Schulen mit den größten Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung weniger Kontinuität bieten können.
Frühe Praxiserfahrung und Mentoren sollen Abgänge verhindern
Der Personalbedarf wird nicht in erster Linie durch Pensionierungen verursacht. Rund 90 Prozent entstehen durch Abgänge; ungefähr zwei Drittel der Lehrkräfte verlassen den Beruf aus anderen Gründen als dem Ruhestand. Als Ursachen nennt der Autor schlechtere Arbeitsbedingungen, sinkendes berufliches Ansehen und wachsende Anforderungen. Gerade der Einstieg könne ohne erfahrene Ansprechpartner isolierend wirken.
Als Gegenmodell nennt der Beitrag Programme, die gezielt Menschen aus den jeweiligen Gemeinden anwerben, angehende Lehrkräfte früh in Klassenzimmer bringen und sie in festen Gruppen mit Mentoren begleiten. In Hatch im Bundesstaat New Mexico wirbt die frühere Schülerin Maria Gomez an ihrer ehemaligen Schule Nachwuchs an, der später als Lehrkraft in die eigene Gemeinde zurückkehren soll.
Michigan schreibt seit 2018 mindestens 600 Stunden praktischer Erfahrung in staatlich anerkannten Ausbildungsprogrammen vor. Der Bundesstaat zertifiziert dem Beitrag zufolge inzwischen mehr Lehrkräfte als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt des vergangenen Jahrzehnts. Das beweist für sich genommen noch nicht, dass alle offenen Stellen besetzt werden können; es zeigt aber, wie Ausbildung früher mit dem Berufsalltag verbunden werden kann.
Für Schulbezirke würde eine solche Strategie bedeuten, nicht erst auf akute Lücken zu reagieren, sondern dauerhaft einen regional verankerten Nachwuchs aufzubauen.
Welche Maßnahmen halten Sie für wirksamer gegen Lehrermangel: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Praxis in der Ausbildung oder gezielte Nachwuchsprogramme vor Ort?




























